Mittwoch, 25. September 2013

Wohnen, Warten, Wissenschaft

Gelobet sei das Akademische Viertel!


Abenteuer Paris - die sechste Woche geht ins Rennen und so langsam habe ich mich eingelebt in meiner Hood. Dass in unser Hochsicherheitswohnheim ab und zu eingebrochen wird und zwischen den Mülltonnen gelegentlich Junkies nächtigen macht mir nur noch halb so viel Angst wie am ersten Tag und mit der mangelnden Funktionstüchtigkeit des ein oder anderen Haushaltsgegenstandes hat man sich mit der Zeit auch arrangiert. ("Qualität hat ihren Preis", das Sprichwort kann man eben auch umdrehen. Geringe Miete auf Pariser Pflaster muss halt irgendwie auch gerechtfertigt sein.) Und mit der Verfügbarkeit lediglich einer funktionierenden Herdplatte, bei dessen Benutzung regelmäßig gesamter Strom rausfliegt, lässt sich schließlich umgehen, die Frau is(s)t ja selbst. Mal eben zum nächsten Gigabazar 8 Arrondissements weiter gepilgert und nen gebrauchten Elektroherd für 10 Euro geschossen. Mit sogar einer ganzen Woche Garantie! Da schleppt frau das Ding doch gerne mal durch gefühlte 12 Kilometer Metrotunnel bis ins traute Heim. Das war schließlich auch nicht der erste nach Haus geschleppte Gegenstand, der Muskelkater verursachte. Da wären zum Beispiel Kleiderstange, Riesenpaket mit Bettwäsche und Wintersachen, die halbe Küche und Dinge, die der Pariser Straßensperrmüll so hergibt. 
Oh und natürlich tägliche Einkäufe, u. A. an Wasservorräten. Das gute "Kraneberger" zeichnet sich hier nämlich in erster Linie durch eine eher weniger genießbare Chlornote aus. Kein Wunder, dass hier selbst das Jungvolk mit Hackenporsche zum Franprix marschiert.












Aber selbst wenn die Wege weit sind, ich liebe mein Viertel. Allein auf dem Weg zur Metro kann man eine halbe Weltreise erleben, durch Nordafrika, vorbei an Straßenhändlern jeglicher Art, welche einem nahezu alles verkaufen, von Büchern, Klamotten über geklaute Kopfhörer und Mobiltelefone bis hin zu auf Einkaufswagen gegrillten Maiskolben, kann es einen um die nächste Ecke bis nach Amsterdam treiben, wo auf dem Canal Saint-Martin einsame Fracht- und Passagierschiffe treiben.



Doch kommen wir zum Wichtigstem, DEM Grund warum ein Erasmusstudent eigentlich das Weite sucht - richtig, die Uni! Oder auch die "Fac" wie das gute Ding im argot genannt wird, natürlich nicht zu verwechseln mit dem umgangssprachlichen Koitusbegriff der englischen Sprache. Und hier soll auch gleich auf den beeindruckendsten Wert eingegangen werden: Die Administration an der französischen Hochschule. 
Getreu dem Motto "Neue Uni, Altes System" erfolgt hier jede Einschreibung noch auf ganz traditionelle manuelle Art und Weise. Dafür dass es da gelegentlich zu fast unwesentlichen Verzögerungen und Missverständnissen kommt (Irren ist ja schließlich menschlich.. - Deswegen her mit den computergenerierten Administrationen verdammt!!) hat man als Erasmusstudent natürlich vollstes Verständnis, wenn einem nach mehreren Stunden Wartezeit schließlich die Tür vor der Nase zugeknallt wird, weil es Zeit für die Mittagspause ist. Zum Glück kann mir sowas nicht passieren, ich war bei jeglichen Anmeldungen so spät dran, dass alle anderen schon weg waren. Vielleicht stehe ich deswegen auch in keinem meiner ausgewählten Kurse auf der Liste.. Aber hey, vielleicht kann ich dann wenigstens fehlen wann ich will. Für die Otto Normalstudenten heißt es hier nämlich, bei jedem Fehlen ein ärztliches Attest vorzeigen. Und auch mit Zuspätkommen ist hier nichts. Es gibt Profs, die nach Beginn des Kurses die Tür abschließen, damit keiner den akademischen Fluss unterbricht. Dabei bleibt jedoch das allbewährte Akademische Viertel vollkommen auf der Strecke! C.t. gibts nicht, dafür muss man selbst für den Klogang um Erlaubnis bitten. A propos: die Toiletten! Auch eine interessante Erfahrung in Frankreich, hier endet die Suche nach dem Örtchen nämlich meist vor folgendem Schildchen.


Was ich im Übrigen allerdings für eine ziemlich kluge Idee halte. Dreckiger als auf den getrennten Toiletten ist es hier nämlich beim besten Willen nicht und ich habe selbst zur Rush-Hour noch kein einziges Mal anstehen müssen! 
Aber natürlich hat die Uni auch noch Anderes zu bieten, als verkürzte Wartezeiten beim Toilettengang. Abgesehen von der bezaubernden Lage im akademischen Quartier Latin, direkt um die Ecke der Grande Mosquée de Paris und der Seine, und umrandet von schnuckeligen Cafés, Supermarkt und der preiswerten Mensa, hat vor allem das Lehrprogramm was zu bieten. So konnte ich mal eben feststellen, dass eines meiner praktischen Ateliers von Schauspieler und Autor Olivier Brunhes geleitet wird, welcher u.A. mit Leuten wie Ariane Mnouchkine zusammengearbeitet hat. 
Wenn das also kein kreativ inspirierendes, sowie brav besuchtes Semester wird... Vielleicht.




Wie – das ist hier nicht ausgeschildert?!


Er: Gib mir einen Kuss und du hast einen Wunsch frei.

Sie: Gib DU mir nen Kuss und du wirst unfrei – willig Zeuge, wie dein Spielzeug sich leider verabschieden muss. Wer sagt, dass ich ihn wolle, den Kuss?

Er: Unfreiwillig Zeuge? Dass ich mich nicht verbeuge vor eurer Majestät! Oh, dein Stolz mir leider im Wege steht! Unfreiwillig will ich, unfrei will ich sein; macht Platz in der Masse, da pass ich noch rein! Ich will das Gleiche wie alle, primitiv, leicht im Bett. Was soll ich mit anders, mir reicht doch schon nett. Frage: Wo geht’s denn hier zum Strom?



Dienstag, 17. September 2013

Wie die Zeit vertreiben..


Auf in den Touri-Wahnsinn - Einmal das volle Programm bitte... NOT!


Natürlich haben wir in den ersten Wochen das gesamte Touri-Programm mitgenommen, dem kann man sich schließlich nicht entziehen. Doch hier nur ein paar Höhepunkte - Bilder vor, hinter, unter und neben dem Eiffelturm kennt schließlich jeder. Da macht auch das gestellteste "Seht-ich-halte-den-Eifelturm-in-der-Hand"-Foto nichts mehr her. Was den Unterschied macht, sind die kleinen Dinge. Und was man draus macht. Da wäre zum Beispiel das "Klettern-Auf" und "Entkleiden-Vor" jegliche(n) unheimlich bedeutsamen und keinesfalls zu entwürdigenden Monumenten der Stadt...





Sowie das forcieren akuter Ruhestörungen durch fabelhaftes Musizieren in der Öffentlichkeit...








Naturellement kann man Paris auch ganz normal besuchen. Aber bitte schön Hipstermäßig gegen den Strom schwimmend. So zum Beispiel das Centre Pompidou nicht wegen seiner Künste, sondern aufgrund der eindrucksvollen Aussicht auf die Hausmannsche Architektur besuchen.





Oder aber dem Jardin des Plantes auf eine Karussellfahrt einen Besuch abzustatten.





Und einen Abstecher in den "super tourimäßigen" Jardin du Luxembourg machen - natürlich nur, um sich einen Schluck Wasser an den öffentlichen Fontänen zu genehmigen.





















Zu dieser Zeit ist Paris übrigens gar nicht mehr so touriüberlaufen; pas du tout. Und die Parcs 
sowieso nicht, schließlich haben die meisten Pariser keinen Garten und halten ihre heißgeliebten Picnics (übrigens ein Codeword für "sich bei gutem Essen maßlos unter freiem Himmel betrinken") vorzugsweise in den öffentlichen Parcs ab, welche darüber hinaus zum Großteil mit W-Lan ausgestattet sind.

















Was zum Schluss natürlich nicht vergessen werden darf.. richtig - la Fête! 
Neben Erasmus-Umtrunken im Café des Deux Moulin bei fabelhafter Amélie-Atmosphäre und erstklassigem Clubbing (und das sogar ganz ohne Eintritt!! man muss nur wissen wies geht..) fehlt auch in Paris die waschechte Straßen-Feierei nicht - welche sich in diesem Falle echt gewaschen hat. Auch wenn es Hunde und Katzen regnet, lässt der echte Technofan die Hüllen fallen. Und wo nicht besser als vom Dach der nächsten Bushaltestelle oder gleich an der nächsten Ampel hängend?








In Höhen, die schwindeln



"Wie das Leben so spielt.."
Spielt es, das Leben?
Wer wird sich ergeben?
Wer kann über ihm schweben, dem Leben?
Ohne sich zu übergeben bei den schwindelnden Höhen?

Sich selbst übergeben oder nur den Schlüssel für drinnen?
Einen zur Schwäche und einen zum Sinn?
Wenn es welche für drinnen gibt, wo ist der für draußen?
Gibt es einen für die Freiheit, für unendliche Weiten? Einen für den Stillstand und einen für die Zeiten?
"Einen Schlüssel für die Freiheit?! Das ist doch paradox!"

Und in den schwindelnden Höhen schütteln selbst die Bäume die Köpfe
doch es ist egal was ich sage, du spannst trotzdem dein Seil von Kastanienkrone zu Tannenspitze und stolzierst furchtlos, während du lauthals brüllst du seist der König der Welt.
Und damit kann ich wohl nicht mithalten, wenn ich über die Dächer dieses düsteren Dorfes balanciere, panisch in die verdunkelte Tiefe starre und höchstens ein "Ich bin der weltbeste Karlsson" herausbekomme.


Und dann sagst du "Aber ich hab auf meinem Seil doch noch Platz."


Sonntag, 8. September 2013

Oh wie schön ists Par(ad)is


7 Sachen + das Nötigste


"Ich kannte diese unerschöpfliche Stadt nur flüchtig von zwei früheren Besuchen und wußte, daß, wer als junger Mansch ein Jahr dort gelebt, eine unvergleichliche Glückserinnerung sein ganzes Leben mitträgt. Nirgends empfand man mit aufgeweckten Sinnen sein Jungsein so identisch mit der Atmosphäre wie in dieser Stadt, die sich jedem gibt und die keiner doch ganz ergründet." Stefan Zweig







Jungsein also, das soll einen hier erwarten in der Weltstadt der Liebe. Aus rückblickender Sicht eines über 50-Jährigen mag das poetisch geklungen haben, für eine 21-Jährige Studentin die selbst geschminkt noch beim Kauf von Dosenradler an der Pennykasse nach dem Ausweis gefragt wird, klingt es eher nach dem Aufruf einer Selbstverwirklichungsgruppe für Alt-68er.
Und der junge Wind der französischen Hauptstadt schlägt bei Verlassen des Gare de l´Est tatsächlich nicht entgegen. Dafür jedoch eine prompte Reizüberflutung jeglicher Sinnesorgane. Denn Paris ist laut. Paris ist bunt. Paris ist bewegt.
Und Paris ist multikulturell. Eine der ersten eindrücklichen Erkenntnisse bei Erreichen meines neuen Heimes. Metrostation "Stalingrad"; die Franzosen haben Humor. 1 zu 0 für mein Viertel, welches im 19. Arrondissement liegt und wo es gar nicht so einfach ist als durchschnittliche Mitteleuropäerin nicht aufzufallen. Denn hier scheint sich vor allem Nordafrika niedergelassen zu haben. Die Frauen tragen hier knallbunte Gewänder, Kopftücher und ihre Kinder noch auf dem Rücken. Zumindest bis 20 Uhr, danach scheinen sie wie von den Straßen gefegt, wo sich dafür ihre männlichen Pendants bis in die späten Stunden tummeln. 







Auf die Frage wie es mit nachts allein nach Hause laufen aussähe, zeigten die meisten meiner Wohnheimsnachbarn ungefähr folgende Reaktion:








Aber dafür gibt es hier die günstigste Boulangerie in ganz Paris und die höchste Dichte an rund um die Uhr geöffneten "Magasins Africains et Exotiques".


Nach anfänglichen Einzugskomplikationen im leicht heruntergekommenen Wohnheimsappartement und dem Kennenlernen des rückwärts arbeitenden französischen Bürokratiedschungels, habe ich nun endlich Strom, Internet, erste waschechte Pariser Bekanntschaften und bereits ein paar zauberhafte Einblicke in einige der einzigartigen Schätze dieser Stadt. Nur beklaut wurde ich noch nicht. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen ich bin angekommen. Denn zumindest das inspirierende Flair trägt erste Früchte..




Asphaltzelte

Ist diese Reise das Ziel, so ist das Meer auch der Hafen
In einer Stadt, wo die Menschen nur rasten, nicht schlafen
Und Häuserlose ihre Zelte auf Asphalt aufschlagen

Wo die Metro melodisch die Erde stimuliert
Und das Treiben die Luft stoßweise elektrisiert
Wo der Herzschlag der Stadt in den Straßen pulsiert
Und Einer wie Jesus auf der Seine balanciert -
Bis die Schallwellen ihn schlagen und er schließlich verliert

Und du sagst: "Aber wir haben noch uns und das Boot"
Und ich sag: "Was wir haben ist ein Schiffbruch, Idiot"

Denn wenn die Zweifel nass von der Decke tropfen 
Um sich auf unseren Häuten zu verkopfen
Und nicht nur die Oberflächen annektieren
Sondern bis in die Tiefen diffundieren
Weiß ich, dass das Schiff leckgeschlagen hat
Und du weißt es auch, selbst wenn du es nicht sagst

Und während wir panisch um die Wette schöpfen
Und die Zweifel sich an unsrer Panik ergötzen
Scheint die Zeit plötzlich nicht mehr vorbeizuhetzen
Sondern an doppelten Tatsachenböden zu kleben
Damit wir beide uns schließlich dem Schiffbruch ergeben

Und plötzlich pochen die Zweifel im Takt
Und formen leise das Wort "Versagt"
Doch die Zweifel haben uns angelogen
Denn selbst wenn das Schiff untergeht, wir schwimmen oben

Und so treiben wir zäh wie Kaugummimassen
Treiben mühsam durch verlassene Glashausgassen
Treiben weiter in die Ferne, treiben weiter, nur fort
Und spielen zum Zeitvertreib "Mann über Bord"

Bis die Panik sich hinter den Gläsern verriegelt
Und der Wahn sich eitel im Sinnspiegel spiegelt

Und treibend erreichen wir bei Tagesanbruch den Hafen
Du hörst ein Rauschen und blinzelst, erschrocken, denn du hast nur geschlafen -
In einem Zelt dieser Stadt, auf Asphalt aufgeschlagen