Sonntag, 20. Oktober 2013

Übers Trödeln in der Hauptstadt



"[...] Denn Paris haben nicht die Fremden sondern sie selber, die Pariser zum gelobten Land des Flaneurs, zu der `Landschaft aus lauter Leben gebaut´, wie Hofmannsthal sie einmal nannte, gemacht. Landschaft - das wird sie in der Tat dem Flanierenden. Oder genauer: ihm tritt die Stadt in ihre dialektischen Pole auseinander. Sie eröffnet sich ihm als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube." - Walter Benjamin

...Und sich dieser ausgesprochen lebendigen Landschaft zu entziehen ist vermutlich kaum möglich. Wer in Paris lebt, nimmt den Rhythmus dieser Stadt an, wird von ihm aufgesaugt. Das Leben hier ist schnell, die Wege sind lang, die Metros überfüllt, ruhige Minuten spärlich gesät. Denn der Pariser ist viel unterwegs. Natürlich - denn wenn man sich die vier Wände der Meisten anschaut (oft nicht größer als 19m2 mit Küchenzeile und Minibad, im besten Falle noch mit ein bis zwei Mitbewohnern) ist es évidemment, warum sich das Leben eher außerhalb abspielt - selbst in mummeligen Wintermonaten. Im besten Fall hat man dann noch das Los einer erzkatholischen Stubenhockermitbewohnerin gezogen, welche ununterbrochen in beeindruckender Lautstärke sowie Ausdauer italienische Skypekonferenzen mit ihrem Verlobten abhält und gegen jeglichen Besuch Einspruch erhebt. Hier weht ein anderer Wind als in meiner nun doch SEHR zu schätzen gelernten Mainzer Wohn- und Trinkgemeinschaft. Hier ist in erster Linie Haushalt = Lebensaufgabe und größtes Vergnügen. O-Ton: Das Bad geputzt wird jawohl jeden Tag! Dass das Studentenwohnheim nicht Vatikanstadt ist - selbst wenn es von Eisentoren mit Türcode umzäunt sein mag - scheint noch nicht überall so ganz angekommen. Zum Glück gibt es außerhalb des Gemäuers Programmangebot en abondance. Da wäre par exemple...



Flohmarkt, Vintage, Secondhand! Paris gibt Einiges her was das Trödelherz begehrt. Und das sogar zwischendurch zu durchaus erschwinglichen Preisen! Hier nur ein paar von zahlreichen Eindrücken der Pariser marchés aux puces...







Und auch der Hipster kommt natürlich nicht zu kurz. Nerdbrille, Schnorres, Omma-Unnerbux, es findet sich alles was das Hipsterherz begehrt..
Nach nun also mittlerweile 2 Monaten - und somit schon fast Halbzeit jenes superkurzen Erasmussemesters - hat man sogar fast schon das Gefühl ein bisschen dazuzugehören. Das Französisch wird langsam flüssiger, der Boulanger nebenan grüßt jeden Morgen und ich verlaufe mich nur noch in ca. 30 % der Fälle, wenn ich einen neuen Ort aufsuche. Und ist man selbst noch immer ein ungeheuer austauschbarer Teil jenes Kosmos dieser Stadt, kann man sich beizeiten doch schon dabei ertappen, wie man sich über die elendigen Touristen beklagt, die mit ihren aufgefalteten Stadtplänen die Metro verstopfen..












[...] Genüsslich inhalierte er den ersten Zug seiner bei Weitem nicht mehr ersten Zigarette an diesem Morgen. Er hatte sich das Drehen extra für die letzten 5 Minuten der Vorlesung aufgehoben, um das Ende der quälend eintönigen Abhandlung über den Zusammenhang von Platon und moderner Literaturwissenschaft zu beschleunigen. Die Kippe war schlecht gedreht, aber wen interessierte das schon. Wenn er wollte konnten sie perfekt sein. Er wollte nicht.
Er wollte seine Ruhe haben. Er war extra bis um die Ecke des hässlichen Gebäudes gegangen. Er wollte nicht bei den Modequalmern stehen und von anschmachtenden Pseudoraucherinnen nach Feuer gefragt werden. Die Kopfhörer auf seinen Ohren pumpten einen hypnotischen Beat in seinen entleerten Kopf. Entleert durch den Restbestand des Alkohols der letzten Nacht und die leeren Gespräche derselben. Die Eintönigkeit des Rhythmus erinnerte an die Worte seines Professors.
Gerade musste die Metrostation einen neuen Schwall Studenten ausgespuckt haben, er machte ein paar Schritte zurück, spürte wie sich der raue Stein des hässlichen Gebäudes in seinen Rücken stemmte. Die Sonne strahlte ihm aufdringlich entgegen und er verfluchte seine Sonnenbrille bei Janine vergessen zu haben. Janine [...]
Die Studenten, die an ihm vorbeiliefen, trugen gewissenhaft leere Gesichter auf ihren Schultern. Der Anblick jener Hüllen, die täglich auf der Suche nach Etwas in Scharen hierhin und dorthin an einem vorbeizogen, widerte ihn an. Schaufensterpuppen. ( Sie waren nichts als Schaufensterpuppen in einer Welt in der jeder vor dem Gesetz irgendwie ein bisschen frei war, aber die Ketten des Konsums schwerer wogen denn je. Wo der Mensch sich nicht mehr mittels Wörter belog um den Anschein zu erwecken frei zu sein, sondern Kleidungsstil die neue Statusmeldung war. Lederrucksack der neue Jutebeutel. Leoleggins die neue Röhrenjeans. Je mehr du dich traust, desto freier bist du. Bis Normalsein das neue Anderssein ist.)
Unter den Vorbeiziehenden trafen seine müden Augen auf einen weiblichen Körper, der drohte in der Menge unterzugehen. Ein Mädchen mit Hemd. [...] Er war sich sicher, dass es von einem Mann stammte. Überrascht stellte er fest, dass ihn das störte. Sie spürte seine forschenden Augen wie sie aus der Ferne auf ihr hafteten und entschied sie zu ignorieren. Er bemerkte es nicht. Als sie sich auf seiner Höhe befand warf sie seinen geröteten Augen einen fragenden Blick entgegen, der keine Antwort haben wollte. Eine Bruchteilsekunde später bog sie um die graue Ecke des hässlichen Gebäudes. Das Interesse hatte sie schon wieder abgelegt. [...] Er hatte dieses Mädchen noch nie gesehen. Sie war auch nicht auffällig, war sie nicht einmal sonderlich schön. Trotzdem fühlte er ein Unbehagen bei dem Gedanken, dass ihr Körper das Kleidungsstück eines Mannes trug, mit dem es vielleicht die letzte Nacht verbracht hatte. Er dachte über den Sekundenbruchteil nach, in dem ihre Augen den seinen etwas entgegengeworfen hatten. Hatten sie das wirklich? Oder war ihr Blick nicht eigentlich nur ziellos durch die Gegend geglitten und zufällig für einen Moment an dem seinen hängen geblieben; eine völlig natürliche Reaktion, wenn sich zwei unbekannte Augenpaare zufällig treffen?
[...] Er hatte Kundera gelesen. Das Bild der Zufälle, die sich, wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi, auf der Liebe niederlassen müssen, damit diese unvergesslich sei, hatte ihm irgendwie gefallen. Er war nicht abergläubisch oder romantisch, aber er glaubte an die Einzigartigkeit, die für ihn eine ganz besondere Melancholie bedeutete. In diesem Punkt stimmte er Kundera nicht zu, der das Nichtvorhandensein von Nietzsches Ewiger Wiederkehr vor allem als eine Bürde sah. Für ihn bedeutete die Einzigartigkeit der Geschehnisse nicht nur eine Leichtigkeit im Umgang mit ihnen, sondern sprach ihnen gleichzeitig in dem Moment, da sie passierten, eine äußerste Bedeutung zu. Das Wissen um die Einzigartigkeit konnte erleichternd (wenn der Moment unangenehm) aber ebenso beschwerend (wenn der Moment angenehm) sein. Er sammelte ebenjene süßlich beschwerenden Momente, an denen man sich festklammerte, damit sie bloß nicht vergingen, bis die Zeit sie einem gnadenlos entriss. [...]


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen